
Ihren Höhepunkt fand die türkische Moderne in der genialen Künstlerpersönlichkeit Ahmet Hamdi Tanpınars (1901-1962).
Als Romancier stand Ahmet Hamdi Tanpınar und sein Meisterwerk, der Roman Huzur (Harmonie), im Banne Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Aber auf den Literaten übten Dichter wie Baudelaire, Mallarmé und Valéry wesentlichen Einfluß aus, insbesondere Gedanken des Letzteren über Ästhetik lenkten auch seine literarische Entfaltung. Schopenhauer und Nietzsche las er in jungen Jahren, die Philosophie Bergsons prägte ihn wesentlich. Tiefsten Einfluss hatte sein väterlicher Freund, der türkische Dichter Yahya Kemal Beyatlı (1884-1958) auf ihn ausgeübt.

Nicht nur literarisch, auch als Mensch war Ahmet Hamdi Tanpınar eine bemerkenswerte Persönlichkeit.
Sein sensibles Naturell und seine mystische Veranlagung zeigten sich bereits mit drei Jahren. An einer Stelle schrieb er:
"Mein Vater war Richter; aus diesem Grunde verlief meine Kindheit überwiegend in Anatolien, wo er seinen Dienst tat. In Istanbul lebten wir zwischen den Dienstphasen. Als Drei-
jähriger begegnete ich in Ergani (Ort in Anatolien) eines Tages mir selbst. Es war ein stark verschneiter Tag. Ich schaute aus einem warmen und beschlagenen Fenster auf einen schneebedeckten Berghang.
Plötzlich begann der Schnee vom neuen zu schneien. Ich verfiel in eine Art sehr wohlige Verwunderung. An diesen Augenblick erinnere ich mich an jedem verschneiten Tag und warte auf den Schneefall. Von Ergani gingen wir nach Sinop (1908 - 1910). Dort schloß ich mit dem Meer Freundschaft. [...]
In Siirt begegnete ich Sternennächten und der Einsamkeit, die sich in den Abendstunden auf die fernen Berge senkten. In dieser Gegend, deren Sommer so heiß sind, pflegten wir auf dem Dach zu schlafen. Mich schien die sternenreiche Nacht zu verzaubern. Die Unendlichkeit erfüllte in Wellen meinen Körper und meine Seele. Einem sumerischen Eremiten gleich, war meine Phantasie stets den Sternen zugetan.
Ich trieb inmitten des Mysteriums. Fügen Sie dem jene beklemmende Einsamkeit der fernen Berge in den Abendstunden hinzu und jenes imposante Purpur."
Die Entscheidung Literat zu werden, fiel als er als junger Student den Dichter Yahya Kemal kennen gelernt hatte:
”Mit reichen spirituellen Erlebnissen und zugleich von einem Wissensdurst getrieben, ging Tanpınar 1918 nach Istanbul und begann erst ein Pädagogikstudium, wechselte zur Literaturwissenschaft über, weil Yahya Kemal Beyatıi (1884 - 1958), der damals schon berühmte Dichter, in diesem Fachbereich unterrichtete. Yahya Kemal verhalf ihm "aus der Welt der Gefühle in die Welt des Denkens" (...)
Nach dem Studium (Abschluß 1923) war Tanpınar bis 1932 in Erzurum, Konya und Ankara als Gymnasiallehrer, später als Hochschullehrer tätig. Nach Istanbul zurückgekehrt, unterrichtete er am berühmten Gymnasium in Kadiköy, nach dem Tode des Dichters Ahmet Haşims wurde er dessen Nachfolger: Lehrkraft für Kunstgeschichte, Mythologie und Ästhetik an der Akademie der schönen Künste (Güzel Sanatlar Akademisi). 1939, zum hundertjährigen Jahresfeier des Tanzimat Erlasses, berief ihn der damalige Kultusminister Hasan Ali Yücel, zum Professor für die türkische Literatur der Tanzimat-Zeit an der Istanbul Universität. Tanpınar wurde ein herausragender, vielseitiger und kompetenter Betreiber der literaturwissenschaftlichen Forschung und drückte seine poetische Note dieser Fakultät für die Zeit seiner Tätigkeit auf.
Eine Legislaturperiode lang (1942 - 46) war Ahmet Hamdi Tanpınar Abgeordneter der CHP (Republikanische Volkspartei) - eine Aufgabe, die er nur ungern auf sich genommen hatte -, anschließend kurze Zeit Schulinspektor, schließlich kehrte er zu seiner akademischen Aufgabe zurück und leitete bis zu seinem Tode (am 24. Januar 1962) den Lehrstuhl für moderne Literatur am Türkologischen Institut an der Istanbul Universität. Er ist neben seinem Dichterfreund Yahya Kemal, den er nicht ganze drei Jahre nur überlebt hatte, auf dem Rumelihisarı Mezarlığı begraben. (...)
Die literarische Hinterlassenschaft Tanpınars ist beachtlich und merkwürdig zugleich. Merkwürdig, weil er bis auf wenige Gedichte, einen Roman, einige Artikel und Essays, lediglich in der Tagespresse und in Literaturzeitschriften publiziert hatte, trotzdem ist sein Name für jeden in der Türkei bekannt. Sein einziges Gedichtband kam 1961 mit nur 37 Gedichten heraus - doch galt er in erster Linie als Dichter. Seine phantastisch anmutenden, vielschichtigen Erzählungen publizierte er 1943 im Band Abdullah Efendinin Rüyaları (Die Träume Abdullah Efendis); 1955 erschien der Erzählband Yaz Yağmuru (Sommerregen, die Titelgeschichte wurde auch verfilmt). Nur der Roman Huzur (Harmonie) erschien vor seinem Tode, im Jahre 1949, alle anderen Romane wurden posthum veröffentlicht: 1962 Saatleri Ayarlama Enstitüsü (Das Institut zum Einstellen der Uhren), 1973 Sahnenin Dıişsıindakiler (Abseits der Spielbühne), 1975 Mahur Beste - eigentlich sein erster Roman, der aber unvollendet blieb, sowie der ebenfalls unvollendete letzte Roman Aydaki Kadıin (Die Frau im Mond), der zuerst im Journal of Turkish Studies, Nr. 3, Harvard 1979, von Güler Güven veröffentlicht wurde und 1987 in Buchform in Istanbul erscheinen konnte. Sein berühmtes Essayband Beş Şehir (Fünf Städte), das teilweise verfilmt wurde, erschien 1946 (liegt auch in deutscher Übersetzung vor), sein Werk Yahya Kemal 1967, Edebiyat Üzerine Makaleler (Artikel über die Literatur) 1969 und das Band Yaşadığım Gibi (Wie ich gelebt habe, von Prof. Birol herausgegeben) 1970. Seine Briefe wurden von der Türkologin Zeynep Kerman zugänglich gemacht, die die über 4.000 Seiten umfassenden Manuskripte (meist in arabischer Schrift) betreut, geordnet und teilweise selbst herausgegeben hat, teilweise wurde die Hinterlassenschaft von Prof. Dr. Emil Birol veröffentlicht. Überaus wertvoll ist neben dem belletristischen Gesamtwerk, Tanpınars umfassende Basisarbeit mit dem Titel XIX. Asır Türk EdebiyatıTarihi (Die Geschichte der türkischen Literatur des XIX. Jahrhunderts), die sogar unter Fachleuten nur wenig bekannt zu sein scheint.”
(Zitat aus: Beatrix Caner, Türkische Literatur - Klassiker der Moderne, Georg Olms Verlag, Hildesheim, Zürich,
New York 1998, S. 316 - 321)
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